Die Anfänge des Kneippens in Dornbirn

Der Priester Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) aus dem bayrischen Stephansried entdeckte um etwa 1850 die heilende Wirkung des Wassers und entwickelte ein in der Praxis erprobtes System von Wassergüssen und -kuren. Im Zusammenwirken mit Heilkräutern und Anlei­tungen zu gesunder Lebensweise bildete sich das System als Fünf-Säulen-Therapie (Wasser – Bewe­gung – Ernährung – Kräuter – Ordnung) zu einer ganzheitlichen Medizintradition .
Der populäre Wasserpfarrer kannte sehr wohl die Grenzen seiner Methode und band daher Ärzte mit ein, vor allem als ab 1855 in Wörishofen ein Kneipp-Kurbetrieb entstand.
Dennoch wurde er anfänglich als Kurpfuscher behördlich verhört und von Medizinern ange­feindet . Aber durch seine Heilerfolge und weil die Wasseranwendungen mit Güssen und Was­sertreten auch zuhause durchgeführt werden konnten, verbreitete sich seine Selbsthilfe-The­rapie rasant, besonders nach Herausgabe seiner Schriften Meine Wasserkur (1887) und So sollt ihr leben (1 890).

Spätestens als Pfarrer Kneipp dann von Prominenten wie Erzherzog Joseph oder der österreichischen Kaiserin Sisi (1892) konsultiert wurde, oder als er 1893 von Papst Leo XIII. gewürdigt und zum Päpstlichen Geheimkämmerer ernannt wurde, war seine Lehre in aller Munde und wurde ein weltweiter Erfolg. Im Sommer 1889 weilten im kleinen Kurort Wörishofen bereits 4000 Kranke zur Kur und mit der Grün­ dung von Kneippvereinen und dem Kneipp-Bund wurde das Kneippen zu einer regelrechten Massenerscheinung.

Die Kneippianer in Vorarlberg


Bereits im Jahre 1890 berichteten die Zeitungen von Kneippianern in Andelsbuch. Auch das Mineralbad Diezlings bei Hörbranz inserierte 1892 als Kneippische Kalt wasser-Heilanstalt . Dort wirkte Gemeindearzt Allgajer, der zuvor bei Pfar­ rer Kneipp praktiziert hatte. Aber auch in Do rn­ birn scheint das Kneippen bereits 1890 einen regelrechten Boom erlebt zu haben : … Da waltet eben die neu in Schwung gekommene Kalt-Wasser­ Kur und zwar jene nach der Methode des Herrn Pfarrers S. Kneipp. In sämmtlichen Vierteln unserer großen Gemeinde werden mit besonderer Fertigkeit die verschiedenen Güsse und Wickel gehandhabt, und nach dem letzten Schneeehen konnte man nicht selten Nachts Baifüßer antreffen, welche ihr verord­netes Spaziergängchen machten …

Der erste Kneippverein Vorarlbergs wurde allerdings in Lustenau im Jahre 1895 gegründet. Die Lustenauer hielten 1896 bewusst im Dorn­birner Vereinshaus eine Konferenz ab, um neue Kneippvereine anzuregen. Die (Dornbirner) Kneippianer sollen sich daselbst sehr vermehrt haben , berichtete das Vorarlberger Volksblatt .

Als Gründervater Prälat Kneipp am 17. Mai 1897 seinen 76. Geburtstag feierte, war seine Gesundheit bereits schwer angegriffen, im Juni lag er dann im Sterben und auch die Vorarlber­ger Zeitungen berichteten tagtäglich über seinen Zustand, als ginge es um den Kaiser oder den Papst: 4. Juni Frilh 6 Uhr: Besserung hält an. Patient nimmt die Mahlzeiten außerhalb des Bettes ein. Puls 96 regelmäßig. Respiration 22.

Am 17. Juni jedoch verschied Prälat Kneipp.

Gründung des Dornbirner Kneippvereins

Nach seinem Tode war die Kneipp-Bewegung populärer denn je zuvor, und nur wenige Monate später war auch in Dornbirn die Zeit reif für eine Vereinsgründung der Kneippanhänger.

Am 12. November 1897 meldete die Zeitung dann die Konstituierung des Kneipp-Vereines. An seiner Gründung scheinen besonders die Luste­nauer Johann Hämmerle und Robert Vetter stark mitgewirkt zu haben, da sie am 19. März 1898 bei der ersten Versammlung im Dornbirner Vereinshaus als Referenten in Erscheinung
traten . Als Vorstände des Dornbirner Vereins wurden der Lehrer Johann Georg Winsauer und Mühlenbesitzer Gustav Rhomberg gewählt.
Weinhändler Johannes Thurnher wurde Kassier und Lehrer Andreas Eß Schriftführer. Als Beisit­zer fungierten die Lehrer Max Schmiedinger, Josef A. Huber und der Kunstmaler Engelbert Luger. Wichtigstes Vereinsziel war es, die Kneipp-Kuren und Wasseranwendungen unters Volk zu bringen.

Schon am 24. April fand eine weitere Ver­sammlung des Dornbirner Kneippvereines im Hatler Löwen statt, bei dem etwa 100 Personen anwesend waren und bei der unter anderem über den Gebrauch von Heilpflanzen und über die Kuren in Wörishofen berichtet wurde. Die Wirkung auf die Zuhörer blieb nicht aus, denn im Juli begaben sich zehn Dornbirner auf Kur nach Wörishofen, darunter Stadtrat Gustav Rhomberg und Fabrikant Oscar Rüf.

In den Folgejahren hielt der Kneippverein immer  wieder  öffentliche  Versammlungen  ab, bei denen vor allem Kneipp-Nachfolger aus Wörishofen als Vortragende auftraten, wie Prior Bonifaz Reile oder die Kurärzte Dr. A. Baumgart­ ner, Dr. A. Scholz und Dr. F. Kleinschrott. Im Jahre 1908 zählte der Kneippverein an die 200 Mitglieder. Im Jahre 1909 etwa waren nicht weniger als 250 bis 300 Besucher bei einem Vortragsabend anwesend .

Die Frauen waren von Anfang an stark vertreten. Die Kneippanhänger stammten aus allen politi­schen Lagern und Ständen, vom Fabriksherrn bis zum Arbeiter. Einer dieser Arbeiter, der sich um den Kneippverein besonders verdient machte, war Benedikt Hämmerle aus der Hinterach­mühle, der von früh bis spät in der Spinnerei Gütle tätig war und daneben noch monatlich das Kneippblatt an die etwa 200 Mitglieder zustellte.

Deswegen nannte ihn die Bevölkerung das Kneipperle. Auch die Ausflüge und Kräuterwande­rungen waren meist gut besucht und führten etwa 1899 zur Villa Hämmerle auf die Schwende, 1900 in die Schweiz oder 1904 auf die Weißenfluh, wo besonders Enzianwurzeln, Isländisch Moos und Blätterklee gesammelt wurden. 1908 wanderten 80 bis 100 Teilnehmer nach Emsreute und 1911 führte ein Maiausflug über den Fallenberg zum Achrain.

In den weiteren 120 Jahren bis heute entwi­ckelten sich Kneippidee und Verein stetig weiter und im Jubiläumsjahr 2018 konnte der aktive Dornbirner Kneippverein als zweitältester des Landes auf eine lange Tradition zur Förderung der Volksgesundheit zurückblicken. Die Kneipp­medizin als Naturheilverfahren wurde im März 2016 im Sinne des Übereinkommens zur Erhal­tung des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO ausgezeichnet.

Vorsorg

I gloub jetzt muoß i dänn eappas gego mine gichtigo Fingor tuo, sus kana
dio kleno Cent’s gär numma us dor Geldtäscho nio

Martha Maria Küng

Herausgeber: Stadt Dornbirn
Redakteur: Klaus Fessler